Was einer alleine nicht schafft, das erreichen viele zusammen

Das war, einfach und verkürzt dargestellt, im 19 Jahrhundert der Leitgedanke von Hermann Schulze-Delitzsch (Begründer des Genossenschaftswesen in Deutschland) und dieser Gedanke hat auch heute nichts an Aktualität eingebüßt.

Hermann Schulze-Delitzsch 2. von links, sitzend

Wir zählen heute ca 7.600 genossenschaftliche Unternehmen in Deutschland. Unternehmen, die in Deutschland aufgrund ihrer Gesellschaftsform in der Bevölkerung ein hohes Ansehen genießt.

So finden:

  • 86,6% der Deutschen es gut bis sehr gut,
    dass Genossenschaften zum Wohle ihrer Mitglieder handeln müssen;
  • 77,3% der Deutschen finden es gut bis sehr gut, 
    dass die Mitglieder sowohl Eigentümer als auch Nutzer der Genossenschaft sind;
  • 69,4% der Deutschen finden es gut, 
    dass jedes Genossenschaftsmitglied gleichberechtigt nur mit einer Stimme entscheidet, unabhängig vom eingezahlten Geld.

    (vgl. Theurl/Wendler: „Was weiß Deutschland über Genossenschaften?“ Repräsentative Befragung IfG Münster in Kooperation mit GfK Nürnberg, Aachen 2011)

Anders, als abhängig vom Finanzmarkt agierende Unternehmen, ist eine Genossenschaft nicht abhängig vom kurzfristigen Gefallen gegenüber ihren Investoren. Shareholder-Value ist hier, wie wir es von Unternehmen kennen, die ihr zusätzliches Kapital am Finanzmarkt durch Aktienverkäufe realisieren müssen, kein Thema. Bei Genossenschaften bestimmen langfristig und nachhaltige Strategien die unternehmerischen Entscheidungen und nicht attraktive oder unattraktive Quartalsergebnisse.

Genossenschaftliche Attraktivität besteht in ihrem Member-Value

Member-Value kann man in drei Segmente aufteilen.

  • Der unmittelbare Wert der Leistungsbeziehung zwischen Genossenschaft und Mitgliedern. Also dem Wert, dem das Mitglied aus vereinbarten Konditionen und vereinbarten Qualitätsstandards entsteht;
  • Der mittelbare Wert, den ein Mitglied erhält, liegt in der Ausübung seiner Entscheidungs- und Mitgestaltungsrechte als „Miteigentümer“. Dazu gehört auch die ausgeschüttete Dividende, sofern eine gezahlt wird;
  • Der nachhaltige Wert eines Member-Value liegt in dem Vorteil, wenn über aktuelle Investitionen und Rücklagen sichergestellt wird, dass auch später noch die Genossenschaft für das Mitglied tätig sein wird. 

Unternehmensnetzwerke sind heute populär

Die alte Selbsthilfeidee könnte gerade in unserer jetzigen Zeit, wo Unternehmensnetzwerke angesagt sind, eine attraktive Lösung sein. Einer für alle – alle für einen ermöglicht auch dem Einzelnen, sich aktiv mit Dienstleistungen darzustellen, die er alleine nicht realisieren könnte. So helfen Allianzen und Partnerschaften wirtschaftliche Größe zu nutzen und dennoch „klein“ und unabhängig zu bleiben. Auf dieser Ebene ist es auch einfacher, geschäftliche Veränderungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. So hat auch aus diesen Gründen in den letzten Jahren die Genossenschaft eine Renaissance erlebt und ist alles Andere als ein Relikt der Vergangenheit. 2011 gab es in Deutschland immerhin 370 Neugründungen von Genossenschaften und ist gegenwärtig ein so aktuelles Modell, dass die Vereinten Nationen das Jahr 2012 zum internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen hat.

Allerdings….

…versuch(t)en Online- bzw. Internetmarketer durch Kooperation mit Gleichgesinnten eine Allianz aufzubauen. Der Wunsch sich am Markt schlagkräftig darzustellen führte zum Versuch, den Deutscher Online Marketer Verband (DOMV) als Verein zu gründen. Ich berichtete bereits im April 2012 hierüber  klick hier. Beobachtet man jedoch gegenwärtig die Darstellungen, Beiträge und Informationen der Protagonisten dieser bisher misslungenen Gründung (derzeitig warten immer noch die anfänglich 100 Antragsteller einer Mitgliedschaft auf die Vereinseintragung), so scheint die Absicht eher genau in diesem Wunsch der Kooperation zu liegen und ist von den Aufgaben eines Berufsverbands weit entfernt. Insofern wäre hier eine Genossenschaft genau die richtige Antwort gewesen, mit einem anerkannten „Überbau“ kleinen Unternehmen ihre Wertschöpfung marktwirtschaftlich effizient zu organisieren. Ich bin gespannt, wer als erster versuchen wird, mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einer Genossenschaft positive Impulse innerhalb der Marketerszene zu setzen.

Ihr
Heinrich Schreiber

__________________________________________________________________

Wussten Sie:

…..dass der kumulierte Jahresumsatz, der derzeit rund 1.622 gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften in Deutschland mit rund 300.000 Mitgliedern aus Handel, Konsum, Dienstleistung, Handwerk und Gewerbe 103 Milliarden Euro beträgt? (Quelle: DGRV – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband)

 

…..dass die rund 219 deutschen Konsumgenossenschaften mit etwa 500.000 Mitgliedern, jährlich 2 Milliarden Euro umsetzen, weil diese Kunden zugleich die Eigentümer sind und deshalb Preis-Leistungs-Verhältnis und Qualität stimmen?
(Quelle: DGRV – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband)

 

…..dass die Theelacht (plattdeutsch für Anteilsaufsicht) mit 1.128 Jahren die älteste bestehende Genossenschaft Deutschlands ist, die noch heute nach demokratischen Regeln das Land verwaltet, das die Ostfriesen den Normannen abgetrotzt haben?
(Quelle: Theelacht zu Norden)

 

…..dass 80,6% der deutschen Bevölkerung wissen, dass es in der Landwirtschaft Genossenschaften gibt? 72,3% im Hinblick auf die Wohnungswirtschaft, 64,1% wissen es über Banken? Dagegen wissen es über das Gesundheitswesen nur 12,9% und nur 7,8% wissen von Genossenschaften in der IT-/Medienbranche.
(Quelle: Prof. Dr. Theresia Theurl, Institut für Genossenschaftswesen, Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

 

…..dass gut 2.000 Wohnungsgenossenschaften rund 2,2 Millionen Wohnungen oder bezahlten Wohnraum für 5 Millionen Menschen bieten und damit rund 10% des gesamten Mietwohnungsbestandes in Deutschland auf sich vereinen?
(Quelle: Marketinginitiative der Wohnungsbaugenossenschaften Deutschland e.V.)

 

…..dass 100 Unternehmen, von Maschinenbau über Automobil- und Bauindustrie bis hin zu Einzelhandel, Banken und Versicherungen die Mondragón Corporación Cooperativa (MCC) umfasst und damit das siebtgrößte Unternehmen Spaniens ist und die größte Genossenschaft der Welt?
(Quelle: Mondragon S. Coop)

______________________________

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würde ich mich sehr darüber freuen, wenn Sie jetzt eine ★★★★★ Bewertung abgeben und ihn über die Schaltflächen hier unten in Ihren sozialen Netzwerken teilen . Vielen DANK!

VN:F [1.9.22_1171]
War der obige Artikel hilfreich ?
Rating: 5.0/5 (15 votes cast)
Was einer alleine nicht schafft, das erreichen viele zusammen, 5.0 out of 5 based on 15 ratings

3 Gedanken zu “Was einer alleine nicht schafft, das erreichen viele zusammen

  1. VA:F [1.9.22_1171]
    Kommentarbewertung
    Rating: 5.0/5 (3 votes cast)

    Hi Heinrich,

    danke für diesen wieder einmal sehr lehrreichen Artikel. Für eine Firma in Paraguay, die ich gerade betreue ( http://theparenttreefarm.com/angepflanzte-baume-und-straucher/fruchte-blatter-und-samen/wunderbaum-moringa ) wird diese Gesellschaftsform auch angestrebt, damit alle Mitglieder an einem Strang ziehen.

    Die Genossenschaft ist hierfür m. E. die beste Rechtsform, die in sich eine Absicherung ermöglicht.

    Herzliche Grüße
    Uwe

  2. VA:F [1.9.22_1171]
    Kommentarbewertung
    Rating: 5.0/5 (1 vote cast)

    Nun ja, viele Genossenschaften gibt es ja nun auch nicht mehr. Obwohl diese oft gut sind!

    • VN:F [1.9.22_1171]
      Kommentarbewertung
      Rating: 5.0/5 (1 vote cast)

      Danke für den Hinweis, seit 2006 das Genossenschaftsgesetz geändert wurde werden wieder mehr Genossenschaften in Deutschland gegründet. Allerdings werde diese nie anzahlmäßig mit anderen Körperschaften (GmbH etc.) vergleichbar sein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.